Gendern, schwer gemacht
Unternehmen stehen vor der großen Herausforderung, genderneutral zu kommunizieren. Wie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft gelingt der Versuch, es allen recht zu machen, nur in Ansätzen. Denn die perfekte Lösung gibt es noch nicht. Ein Überblick des schwierigen Balanceaktes, der weit über Stars und Sternchen hinausgeht.
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Die Tücken beim Schreiben
Wer über das Thema genderneutrale Sprache schreiben möchte, sollte sich das genau überlegen. Früher hatte man es da wesentlich einfacher. Stopp. Schon im zweiten Satz tappt der Autor dieses Beitrags in das erste Fettnäpfchen. Man geht gar nicht mehr, auch wenn ein n fehlt. Nicht wenige fordern seit langem die Abschaffung des Adverbs. Speziell in der feministischen Sprachkritik ist das Wörtchen man ein echtes No-Go. Auch im Journalismus ist es nicht gern gesehen: Am ersten Tag des Volontariats bekommen junge Journalistinnen und Journalisten zu hören: „Wer ist man?“ und „Das kannst du doch genauer sagen!“ Es gilt als unnötige Floskel, die es zu hinterfragen gilt. Kurz: Man zu schreiben ist schlechter Stil.
Vielfalt vs. Sprachgefühl
Versuchen wir es noch einmal.Jeder Journalist steht vor der großen Herausforderung, genderneutral zu schreiben. Ups, es ist schon wieder passiert. Der Journalist. Gut, der Autor ist ein Mann, ganz im klassischen Sinn. Aber wie wäre es denn mit Journalist/-in, JournalistIn, Journalist_in, Journalist*n, Journalistinnen, Journalist!n, Journalist:in oder Medienschaffende? Der gesellschaftlichen Vielfalt gerecht zu werden, ist das Ziel. Aber wie vielfältig darf Sprache sein? Wie bunt muss Sprache sein? Für alles gibt es Regeln, warum helfen hier keine Regeln aus dem Dilemma?
Auswege aus dem Dilemma
Um eines vorneweg zu stellen: Fraglos sind alle Menschen gleich und sollen auch so behandelt werden. Aber der Weg zu genderneutraler Sprache ist kompliziert, denn es gibt nicht nur die eine Lösung. Spätestens seit 2013 wurde in Deutschland endgültig ein Prozess in Gang gesetzt, der längst überfällig war. Denn seitdem ist es möglich, den Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten leer zu lassen oder bisherige Einträge zu löschen. Zum 1. Januar 2019 wurde zudem ein neues Personenstandsrecht geschaffen, das neben „männlich“ und „weiblich“ den Eintrag „divers“ ermöglichte. Und seitdem sind Texte zum Experimentierfeld geworden. Sprache lebt. Schon immer. Und das ist gut so. Aber welche Art zu gendern, ist jetzt richtig? Die Antwort: Keine. Alle Varianten haben Vor- und Nachteile. Rein orthografisch betrachtet sind viele von ihnen sogar falsch. Um eine vollkommen gleichwertige Ansprache aller Geschlechter zu erzielen, müsste man die Regeln der deutschen Sprache verändern. Denn nur eine neue grammatikalische Endung für Worte wie Mitarbeiter oder Mitarbeiterin würde der Option „divers“ gerecht werden. Die ist nicht in Sicht – und wird es vielleicht auch nie geben. Daher haben alle anderen Ansätze für genderneutrale Sprache ihre Berechtigung, zumindest so lange diese sprachliche Findungsphase andauert.
Regeln ohne Wirkung?
Die Recherche hilft vielleicht auf der Suche nach Antworten auf das Dilemma, in dem alle stecken, die regelmäßig Texte verfassen. Fragen wir die Sprachwahrer. Was sagt der Duden? „Der Duden hat keine Sprachmacht oder Sprachgewalt, um die Nutzung bestimmter Begriffe zu verhindern“, betonte Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum. So könne und wolle der Duden das sogenannte generische Maskulinum nicht abschaffen. Vielmehr orientiere sich die Redaktion an der sprachlichen Realität, die sich gewandelt habe hin zum Bemühen um eine geschlechtergerechtere Sprache. Vor mehr als einem Jahr erhielten insgesamt 12.000 Personen- und Berufsbezeichnungen wie „Lehrerin“, „Pfarrerin“ und „Anwältin“ erstmals einen eigenen Eintrag und nicht mehr nur einen Verweis auf die männliche Form. „Lehrer“, „Pfarrer“ und „Anwalt“ werden künftig als „männliche Person“ aufgeführt. Das generische Maskulinum – also die geschlechterübergreifende Verwendung der männlichen Form – sei keinesfalls gestrichen, sondern lebe in den Beispielen zu den Worteinträgen weiter. „Wenn ich etwa sage ‚Ich gehe zum Arzt‘, dann kann das im allgemeinen Sprachgebrauch durchaus geschlechtsabstrahierende Bedeutung haben, weil die Praxis als Einrichtung gemeint ist“, erklärte Kunkel-Razum. „Aber wenn von einer konkreten Ärztin oder einem konkreten Arzt die Rede ist, macht es natürlich einen Unterschied, wen wir vor uns sehen.“
Es lebe der Genderstern. Das müssen wir erst einmal sacken lassen. Der Genderstern ist männlich soll aber dafür sorgen, dass die deutsche Sprache genderneutral wird? Unfassbar komisch, wenn die Sache an sich nicht so ernst wäre. Die Zeiten gendern sich. Das ist gut. Ob der Stern als Mittel zum Zweck gut ist, bleibt fraglich. Aber das Gendersternchen ist ein guter Platzhalter für die Vielfalt der Geschlechter. Das Gendersternchen * wird als Schreibweise für gendergerechte Sprache immer beliebter und akzeptierter. Es wird einfach vor die Silbe -in / -innen gesetzt, beispielsweise der*die Chef*in und ihr*sein Hund. Und was macht man, wenn es eine Hündin ist? Ist jede Hündin nicht auch ein Hund? Die Herausforderung steckt im Detail. Wie funktioniert die Silbentrennung? Ein Ratschlag der Experten (natürlich sind damit auch Expertinnen und alle anderen gemeint): Das Trennen von Wörtern zu verhindern. Wenig praktikabel. Also dann trennen wir eben so: Do-zent*innen. Aber es geht auch Dozent*in-nen. Alles klar? Auch gibt es heftige Diskussionen darüber, wie barrierefrei der Genderstern ist. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) empfiehlt in seiner Leitlinie zum Gendern (März 2021) weitgehend auf Genderzeichen zu verzichten und lieber mit den Mitteln der Sprache, also mit genderneutralen Wörtern, geschlechtliche Vielfalt zu verdeutlichen. Screenreader können in der Regel inzwischen aber so programmiert werden, dass sie das Sternchen korrekt interpretieren und entsprechend vorlesen.
Manche empfinden den Gender-Gap als die politisch richtigere Wahl, weil es den „Raum sprachlich öffnet“. Und was ist mit dem Binnen-I? Es dient dazu, Frauen und Männer in einem Wort zu erwähnen. Frauen und Männer? Und alle anderen? Also unbrauchbar. Die Verunsicherung ist groß. Das führt dazu, dass es nicht nur viele Varianten genderneutraler Sprache gibt, sondern noch viel mehr Expert*innen. Wer im Netz nach Rat sucht, wird überrascht sein. Reihenweise Portale mit Infos, Ratschlägen und Expertenwissen. Einen Klick wert sind auf jeden Fall Genderleicht, Geschicktgendern und Transinterqueer.
Gendern in der Praxis
Und wie wird jetzt in der Unternehmenskommunikation gegendert? Wie in anderen Bereichen gilt: die Umsetzung variiert. Es gibt nicht die eine Lösung. Es gibt viele, auch viele ziemlich bescheidene und nicht mehr zeitgemäße. Viele Unternehmen bevorzugen eine praktikable, aber umstrittene Lösung: Sie arbeiten mit Fußnoten und weisen darauf hin, dass beispielsweise mit dem Wort Mitarbeiter immer auch die weibliche Form gemeint sei. Eine gute Lösung? Wohl eher nicht (mehr). Die männliche Form reicht bei weitem nicht mehr aus. Dazu kommen noch die binären Menschen, also Personen, die sich irgendwo zwischen Frau und Mann zuordnen. Das Problem ist vielschichtig. Als eine äußerst praktikable Lösung hat sich Mitarbeitende, Studierende, Forschende herausgestellt, also nominalisierte Partizipien. Oder eben das beschriebene Sternchen für alle Fälle. Sie haben also die Wahl. Schließlich hat Sprache auch viel mit Gefühl zu tun. Es gibt höchsten in der Grammatik richtig und falsch. Der Rest ist Toleranz und macht Sprache aus. Und schon sind wir bei den literarischen Werken. So sagt die Schriftstellerin Elke Heidenreich zum Thema Gendern in der Literatur: „Da stehen mir die Haare zu Berge. Bücher sind ein in sich geschlossenes Kunstwerk.“
Zwischen Kunst und Klarheit
Bei den Recherchen sind wir auch auf Bernd M. Samland gestoßen. Der Politik- und Medienwissenschaftler sagt selbst, dass er etwas hilflos vor dem Scherbenhaufen einer einst reichen und ausdrucksstarken Sprache der Dichter und Denker stehe. „War ich einst stolz darauf, Wörter kreiert zu haben, die Eingang in „den“ Duden gefunden haben, so erfüllt es mich jetzt mit Befremden, dass die Online-Version dieser – nun ehemaligen – Sprachinstanz, künstlich feminisierte Wortgebilde wie „Gästin“ oder „Menschin“ als Gebrauchssprache anbietet . Gleichermaßen befremdet mich das „Sprechpausen-Gendersternchen“ in den Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ja, Sprache entwickelt sich weiter – immer schon, aber Sprache, die verordnet wird, egal ob von Redaktionsleitungen, Stadtverwaltungen oder Universitäten, trägt per se Züge des Totalitären, weil sie das Denken manipulieren will.“
Der Vorwurf des Zwangs
Und wie lautet unser Tipp für die Praxis? Jede*r sollte eine gendersensible Sprache wählen, die zu ihr/ihm und der jeweiligen Zielgruppe passt. Denn das zeigt, dass sich der Journalisterich (ist das genderneutral?) Gedanken macht. Und Respekt und Toleranz sind schließlich das wichtigste. Außerdem bitte niemals vergessen: Sprache ist grandios. Ihre Möglichkeiten sind grenzenlos. Richtig eingesetzt, wird ein Text zum Genuss. Er löst Emotionen aus, er malt Bilder, er informiert, er unterhält, er fasziniert und er informiert. Und er kann noch viel mehr. Er hilft uns, spannende Geschichten zu erzählen.
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